Glas, Grad und gute Gesellschaft – worauf es wirklich ankommt
Der richtige Wein. Das falsche Glas. Und schon fehlt die Hälfte.
Man kann viel über Rebsorten, Lagen und Jahrgänge lernen. Aber ob ein Wein am Abend tatsächlich sein Bestes zeigt, entscheiden meistens ganz andere Dinge – und zwar erstaunlich unspektakuläre.
Vier davon haben wir euch mitgebracht, dazu drei Mythen, die sich hartnäckig halten.
Wie man einen Wein Schritt für Schritt verkostet – sehen, schwenken, riechen –, haben wir hier schon einmal in Ruhe aufgeschrieben.
Die richtige Temperatur
Der häufigste Fehler überhaupt – und einer mit erstaunlich großer Wirkung.
Weißwein kommt meist zu kalt aus dem Kühlschrank. Bei 5 Grad ist das Aroma nahezu stillgelegt, man schmeckt vor allem Kälte. Lasst ihn ruhig ein paar Minuten im Glas stehen: Mit steigender Temperatur öffnet sich der Wein und zeigt mehr von seinem Aroma.
Und Rotwein bei „Zimmertemperatur“ ist ein Missverständnis aus Zeiten, in denen Zimmer deutlich kühler waren als heute. 16 bis 18 Grad sind oft besser als 22. Wenn ein Rotwein alkoholisch oder schwer wirkt, liegt es überraschend oft schlicht daran, dass er zu warm ist – eine halbe Stunde im Kühlschrank kann manchmal Wunder wirken.
Das richtige Glas
Ihr braucht keine Sammlung für jede Rebsorte. Ein einziges gutes Glas reicht völlig: tulpenförmig, nach oben leicht verjüngt, damit sich die Aromen sammeln, statt zu entweichen.
Ein gerader Becher lässt genau das nicht zu.
Auf unseren Tischen stehen Gabriel-Gläser – ein Universalglas für alles, was ins Glas kommt: Weiß, Rot, Schaumwein. Genau das, was wir oben meinen – man braucht kein zweites. Unser Favorit.
Entwickelt wurde es zusammen mit dem Weindegustator René Gabriel: 66 Millimeter Öffnung, 95 an der breitesten Stelle – weit genug, dass auch ein Chardonnay oder ein kräftiger Roter Luft bekommt, eng genug, dass oben nichts verloren geht. Und was man bei so einem dünnwandigen Glas nicht erwartet: Es darf in die Spülmaschine.
Wer nach einem Abend bei uns Gefallen daran findet: Die Gläser gibt es bei uns vor Ort auch zu kaufen.
Zwei Kleinigkeiten dazu: Haltet das Glas am Stiel, nicht am Kelch – die Handwärme heizt den Wein sonst innerhalb weniger Minuten auf. Und füllt höchstens bis zur breitesten Stelle. Was darüber hinausgeht, nimmt dem Aroma den Raum.

Die Umgebung
Riechen und Schmecken sind empfindlicher, als man denkt.
Kein Parfum am Handgelenk, keine Duftkerze auf dem Tisch, kein frisch geputzter Raum – all das kann sich über den Wein legen, bevor er überhaupt eine Chance hat.
Stellt euch Wasser dazu und ein neutrales Stück Brot für zwischendurch. Und wenn es sich einrichten lässt: Tageslicht. Man sieht die Farbe einfach besser als unter warmem Kunstlicht.
Die Reihenfolge bei mehreren Weinen
Sobald mehr als ein Wein auf dem Tisch steht, wird die Reihenfolge wichtig – denn der Gaumen erinnert sich.
Ein kräftiger Roter macht einen feinen Weißen danach fast unsichtbar, und nach einem süßen Wein wirkt ein trockener Wein schnell dünn und hart.
Die Faustregel ist zum Glück einfach: leicht vor kräftig, trocken vor süß, jung vor alt.
Bei mehreren Weinen ist es außerdem oft sinnvoll, mit Weißweinen zu beginnen und erst später zu kräftigeren Rotweinen überzugehen. So bekommt jeder Wein die Chance, sich zu zeigen.

Drei Weinmythen, die sich hartnäckig halten
„Der Wein muss atmen.“
Eine geöffnete Flasche atmet so gut wie gar nicht – die Oberfläche im Flaschenhals ist dafür viel zu klein.
Bei einem jungen, tanninreichen Rotwein kann mehr Sauerstoff durch Dekantieren durchaus helfen, Aromen zu öffnen und die Struktur zugänglicher zu machen. Bei älteren Weinen ist dagegen Vorsicht geboten: Sie können durch zu viel Sauerstoff schnell an Ausdruck verlieren.
„Teurer ist besser.“
Bis zu einem gewissen Punkt stimmt das durchaus, denn Handarbeit, Ertragsreduzierung und Lagerung kosten nun einmal Geld.
Darüber hinaus zahlt man aber nicht automatisch für mehr Genuss, sondern manchmal vor allem für Herkunft, Namen oder Seltenheit.
Was euch schmeckt, entscheidet euer Gaumen – nicht das Etikett.
„Die Kirchenfenster zeigen die Qualität.“
Die Schlieren, die nach dem Schwenken am Glasrand herunterlaufen, sagen vor allem etwas über die physikalischen Eigenschaften des Weins aus, unter anderem über Alkohol und Glycerin.
Über gut oder schlecht sagen sie nichts.

Am besten schmeckt Wein gemeinsam
All das kann man lesen – wirklich verstehen tut man es erst im Vergleich.
Zwei Weine nebeneinander im Glas, und plötzlich wird ganz deutlich, was Säure ist und was Tannin macht. Noch schöner wird es zu mehreren: Man schmeckt nicht nur, man merkt auch, dass alle am Tisch etwas anderes wahrnehmen.
Und niemand hat unrecht.
Genau deshalb machen wir das so gerne. Bei unseren Verkostungen in der Mühle geht es nicht darum, wer die meisten Aromen erkennt, sondern darum, gemeinsam zu entdecken – mit Weinen nebeneinander im Glas, bei denen der Unterschied manchmal sofort auffällt.
Kommt bei uns in der Vino Vista vorbei und probiert euch durch – wir zeigen euch gerne, worauf es ankommt.
Wir freuen uns auf euch!